FARB-TAUMEL-WELTEN

von Urs Faes (Schriftsteller und Kunsthistoriker, Zürich)

 

"Ein bisschen eintönig war es schon... ich konnte laufen und sah nichts als Grau in Grau.“
So beschreibt Italo Calvino die Welt vor den Farben. Erst mit den Farben war die Welt geboren.
Die Bilder Petra Amerells sind eine Geburt der Farben, die Geburt der Welt in Farben.

Farben sind Welten, und Farben sind eine Art, in der Welt zu sein, Existenzform also, Seinsgrund. Die Malerin rührt Farben an und auf, wirbelt sie herum und formt sie zur eigenen Welt, zum Welttheater der Farben, zu Farbfeldern, Farblandschaften, zu Farbozeanen, zu fernen Farbweltmeeren, elementar wie der Sturm, die Naturgewalt, gefasst, getragen, aufgehoben in der Komposition, in der gekonnt abgewogenen Nuancierung, der Zähmung vielleicht. Und immer neu und ungewohnt im Arrangement, überraschend und befremdend, und das war schon immer das Zeichen von Kunst: zu sehen, was man nicht sieht, anders zu sehen, was man zu kennen glaubt.

Malerei spricht von Farbe, Form und Licht, spricht also die Sprache der Natur, ursprünglich
und direkt. So erreichen die Farblandschaften Petra Amerells den Betrachter, an ihn sind sie gerichtet als ursprüngliche Kraft: so trägt, so wuchtet sie die Malerin an uns heran, die wir als Betrachter immer dem Sichtbaren zugeneigt sind. Sie nimmt uns hinein in ein kontemplatives Gespräch mit diesen Bildern, in ihre Körperlichkeit, in die Materie, auf die das Wort Farbe ursprünglich verweist. Das althochdeutsche farawa für Farbe meint die Eigenschaft von etwas Dinglichem, Festem, Körperlichem. Die Ausdruckskraft der Farbwelten Amerells reißt uns mit, weil die Farben hier kraftvoll inszeniert werden, aber auch weil Farben nicht nur draußen, sondern in uns selber sind, als etwas Archetypisches. Farben sind, mit Cézanne gesagt, der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen. Wir stehen, bewegt und gebannt, in diesen Farbmeeren, aber wir sind ihnen nie völlig ausgeliefert, denn die Natur der Farben ist gezügelt in der Kultur des Ausdrucks, in den ästhetischen Gesetzen einer eigenwilligen Künstlerin, die schafft und nuanciert. Notre regard, le regard moderne, sait voir la gamme infinie des nuances. So sagte es schon Maupassant. Petra Amerell komponiert nicht nur in der eigenwilligen künstlerischen Nuance, sondern immer wieder auch in der mutig ungewohnten Kombination der Farben, in kühnen Konfrontationen, die unverwechselbar in die Form eines Ganzen gebracht werden.

Ein feuriges Rot begegnet einem kühlen Grün, ein Dottergelb dem Schwarz, ein Fleck Meerblau kontrastiert ein mohnrotes Farbfeld, ein Tupfer Türkis blökt in die Hochebene einer Grauzone, ein Streifen Rot und Grün ecken die Urlandschaft eines Lindengelbgrüns, ein Grüntreppchen stöckelt davon, ein Rot und Violett platzen ins Gelb und grüßen zurück. Das irritiert und bewegt. Da sind etwa, um ein Beispiel zu nehmen, diese vielen Rottöne, die Flammen und Flächen, dies Bluten und Brennen, die den Betrachter unmittelbar treffen und bewegen, aber auch erfreuen, eine vitale Kraft, die aus diesen Bildern kommt. In der Wahrnehmung trifft sie die Vitalität in uns selber, erinnert an eigene Freude und eigenes Begehren oder weckt es, als ob der Pulsschlag dieser Malerei unsern Atem, das Lebenspneuma, in Gang setzte und eine innere Spannung erzeugte, ein Sehnen vielleicht, ein Wünschen. Ein Begehren. Es ist so, als ob die wunderbaren Farb-Taumel-Welten dieser Malerin den farbigen Zaubergärten unseres Innern entsprächen, den dunklen Untergründen unseres Bewusstseins ebenso wie den heiteren Regungen unseres Geistes. Vielleicht liegt in dieser Sinnlichkeit, einer oft zunächst unerklärlichen Unmittelbarkeit, mit der uns Petra Amerells Bilder treffen, ihr Geheimnis und unseres: was wir nicht sehen, blickt uns an.